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Gesundheitsangebot der SVB für pflegende Angehörige


Ein Erfahrungsbericht aus dem Ländle

  

Für die Sozialversicherungsanstalt der Bauern (SVB) sind Pflegende Angehörige eine sehr wichtige und schützenswerte Personengruppe. Im Familienbetrieb Gasthof Taube hat unter anderem die 47-jährige Bäuerin Maria an einem zweiwöchigen Aufenthalt der Gesundheitsaktion „Pflegende Angehörige“ teilgenommen. Der Gasthof steht in der Mitte von Bizau, einer 1000-Seelen Gemeinde im schönen Bregenzerwald in Vorarlberg. Es gibt einige Lifte für die höheren Ausflugsziele und einen öffentlichen Bus, gratis bis nach Bregenz. Das Kurbad Reuthe liegt 3 km entfernt.

 

Maria hat ihre Geschichte, ihren Alltag und die Erlebnisse während der 14 Tage im Ländle für die SVB niedergeschrieben – diesen Erfahrungsbericht geben wir nachstehend wieder.

 

Ich heiße Maria. Ich bin 47 Jahre alt. Jeden Morgen stehe ich um 6 Uhr auf und koche mir meine Tasse Kaffee. Ich setze mich damit auf die Hausbank und genieße die Ruhe. Das ist die Zeit, die mir gehört, der Moment, in welchem ich Kraft sammle für den Tag. Mein Tag folgt einem strikten Plan. Zuerst wecke ich die Oma auf. Ich wasche sie, gebe ihr die Zähne hinein, frisiere sie, wickle sie, ziehe sie an und setze sie auf den Klostuhl. Manchmal bleibt sie von selbst sitzen, manchmal nicht. Heute ist ein guter Tag. Sie sitzt aufrecht, ich schiebe sie in die Küche. Ich beobachte sie, während ich das Frühstück zubereite. Ich habe während des ganzen Tages ein Auge auf sie. Neben der Haus- und Stallarbeit, dem Kochen, Putzen, Waschen für die Kinder und den Mann, meldet sich die Oma im Laufe des Tages mehrmals. Im Schnitt zwei bis drei Mal am Vormittag, zwei bis dreimal am Nachmittag und auch immer wieder in der Nacht. Sie trägt ein Alarmband am Handgelenk. Wenn sie es merkt, dass sie auf´s Klo muss, was nicht immer der Fall ist, dann muss es schnell gehen. Wir sind schon ein eingespieltes Team. Trotzdem ist es jedes Mal ein großer Aufwand, raus aus dem Bett, rauf auf den Stuhl und alles wieder retour. Manchmal hat sie Schmerzen, manchmal versucht sie mit mir zu reden. Ich verstehe oft nicht gleich, was sie meint, was sie will. Ich möchte das Beste geben. Manchmal frage ich mich, was heißt das eigentlich, das Beste zu geben. Ich behandle die Oma so, wie ich gerne behandelt werden möchte, wenn auch ich einmal alt und schwach bin und nicht mehr für mich selbst sorgen kann. Ich selbst merke aber, dass ich erschöpft bin, dass ich das Beste eigentlich gar nicht mehr wirklich geben kann. Was mir noch nicht bewusst ist, dass man während eines Pflegealltags in der Familie nur all zu leicht vor allem auf eine Person vergisst, sich selbst. Immer wieder lese ich von der Gesundheitsaktion „Pflegende Angehörige“, fühle mich zwar angesprochen, schiebe diese Möglichkeit aber jedes Mal beiseite. Und dann nehme ich endlich teil, und das noch dazu in Bizau, im Bregenzerwald in Vorarlberg, 500 km weit weg von zuhause! Ich kann mich dort sehr gut mit anderen austauschen und merke, dass ich mit meiner Geschichte, meinen Fragen nicht alleine bin. Ich merke, wie ich in den zwei Wochen Kraft und Abstand gewinne, aber auch sehr nützliche Tipps für das Pflegehandwerk. Ich habe Zeit, meine Rolle als so genannte pflegende Angehörige neu zu denken. Gut und nachhaltig pflegen kann nur ein Mensch, der sich selbst pflegt. Einmal wieder Zeit für sich selber nehmen zu können, Neues zu lernen, auch neue Verhaltensmöglichkeiten in einer nicht einfachen Situation entdecken, Nein sagen lernen, sich abgrenzen und das ohne schlechtes Gewissen, das tut gut, genauso wie die Spaziergänge in dieser wunderschönen Bergwelt. Die Bewegung in der frischen Luft, die Gymnastik- und Entspannungsübungen machen einfach Spaß. Ich schalte zum ersten Mal seit Monaten das Handy aus, genieße meine Zeit, spüre mich wieder. Wie nebenbei tauche ich neben den Informationsveranstaltungen in eine ganz andere Welt und erfahre zum Beispiel, dass die Bregenzerwälder Frauentracht viele verschiedene Kopfbedeckungen hat, die jeweils einem andern Zweck dient: die Stucho, die Spitzkappe, die Brämokappe, eine Pelzkappe aus gefärbtem Seehundfell, der Schäohut, der Kauffmannhut und das Schappale. So vergeht eine Woche und beim Abendessen wird mir bewusst, dass ich den ganzen Tag nicht an die Oma gedacht habe. Es tut wirklich gut, sich einmal bekochen zu lassen. Vor allem aber sind es auch die vielen Gespräche mit Gleichgesinnten, die mir weiterhelfen. Immer wieder entdecke ich auch Sprüche des Heimatdichters von Bizau, Gebhard Wölfle. Ich habe mir vor allem einen gemerkt: „Meor ehrod das Ault, und grüssed das Nü, und blibot üs sealb und dr Hoamat trü.“ Ich habe das für mich so übersetzt: „Wir ehren das Alte, und grüßen das Neue, und bleiben uns selbst und der Heimat treu.“ Nach diesen zwei Wochen bin ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge wieder nach Hause gefahren, mit vielen Eindrücken, neuen Denkanstößen und viel Kraft.“

Auch im Jahre 2017 ermöglicht die SVB wieder eine Gesundheitsaktion „Pflegende Angehörige“ in Bizau – konkret von 06.10 bis 20.10.2017. Nähere Informationen dazu finden Sie im SVB-Kompetenzzentrum Gesundheitsaktionen unter 0732 76 33-4370 und im Internet (siehe Linkleiste rechts).


Zuletzt aktualisiert am 09. Juni 2017